Text

Das Schreiben in Gemeinschaft ist ein interessantes Symptom, das noch eine große Ausbildung der Schriftstellerei ahnen lässt. Man wird vielleicht einmal in Masse schreiben, denken und handeln;  ganze Gemeinden, selbst Nationen werden Ein Werk unternehmen. Novalis 1837

Schreiben ist die Überwindung von Leere und insofern eine Metapher für Veränderung schlechthin.
Ralf Georg Czapla

Früher sprach man in literarischen Zirkeln von der Grausamkeit der weißen Seite, des unbeschriebenen Blatt Papiers. Eine leere Seite ist auch der Bildschirm. Eine leere Seite – keine Vorgaben, Regeln, Angaben zum Umfang, keine Grenze.

Die Teilnehmer haben ein Jahr lang ein Buch geschrieben, auch Passanten und Besucher der Ausstellung und besonders die alten Bewohner der Straßen waren eingeladen mitzuschreiben. Die Autoren benutzten eine speziell entwickelte browserbasierte Software. Sie schrieben, ohne die Beiträge der anderen zu kennen. Der Text wurde durch Mausklick oder nach einer Schreibpause von acht Minuten archiviert, verschwand im elektronischen Archiv und war nicht mehr zugänglich. Erst nach dem Ende von 2-3 Straßen wurde das Ergebnis eines Jahres veröffentlicht. Die Beiträge erscheinen als Fließtext, anonym und in der Reihenfolge ihrer Entstehung. Auch die Namen der Autoren sind auf den letzten Seiten in der Reihenfolge ihres  Beitrags aufgelistet.  

2-3 Straßen TEXT ist Mitte März 2011 im DuMont Buchverlag erschienen. 887 Menschen sind Autoren geworden: neue und alte Bewohner, Besucher, Passanten der Straßen, Teilnehmer aus allen Schichten der Gegenwartsgesellschaft. Sie erzählen auf 3000 Seiten von ihrem Hiersein. Sie erzählen in vielen Sprachen mitten in Deutschland: auf Deutsch, Englisch, Türkisch, Niederländisch, Dänisch, Schwedisch, Russisch, Spanisch, Italienisch, Französisch, Polnisch, Griechisch, Kroatisch, Serbisch, Albanisch und Ungarisch. Einzelne Stimmen treten hervor und verlieren sich wieder im Gewirr, Fährten werden ausgelegt, vermischen und verpassen sich und verschwinden, der Text wird zum Fluss ohne Ufer. Ein Koordinatensystem zwischen Erinnern und Vergessen entsteht.

Natürlich wird hier nicht aus jedem Schreiber ein Marcel Proust. Viel wichtiger ist, dass die gesamte Gesellschaft Produzent dieses Textes wurde. Ruedi Jörg-Fromm

 

 













© Jochen Gerz 2008/2012   Kontakt   Impressum