Ausstellung


Ein Jahr lang gab es eigentlich nur das eine Thema: die Ausstellung. Doch zugleich stelle ich fest: So intensiv wie in diesem Jahr habe ich mich noch nie beobachtet. Ich weiß nicht, wer sich mehr verändert hat: ich selbst oder 2-3 Straßen. Rainer Wanzelius

78 Menschen beziehen Wohnungen in drei Städten des Ruhrgebiets, schreiben gemeinsam ein Buch und werden für ein Jahr Teil der Ausstellung 2-3 Straßen. So viel zu den Fakten. Alles andere war unkalkulierbares Experiment: Wie sieht das konkret im Alltag aus? Was ist in Wirklichkeit möglich? Wie reagieren die Nachbarn, die Bewohner im Quartier? Besteht vor Ort Interesse an den Neuen, den Kreativen? Was heißt Veränderung heute? Schreibt jemand mit? Kommen Besucher auch aus den „besseren“ Quartieren und lässt sich die Presse in den Straßen sehen?

2-3 Straßen ist ein einjähriges Wagnis für die Beteiligten. Wie bei allen künstlerischen Arbeiten von Jochen Gerz spielen viele Menschen eine Rolle. Es geht um die Kreativität, die nicht nur das Lebensgefühl, die Muße und Entwicklung Einzelner bewegt, sondern die das öffentliche Miteinander und das Zusammenspiel zum Ziel hat. Das Ich entdeckt sich in seiner ureigenen Rolle als Produzent und Autor. Soziale Kreativität ist ansteckend.

Ein Mann mit einem Schachbrett sitzt auf den Treppen vor der Kirche und wartet auf Kontrahenten, eine Gruppe bricht auf zu einer Reise nach Tunis, das für ein paar Stunden im 17. Stock über den Dächern der Ruhr liegt, eine Straßenglocke ruft zum Essen („Heute schon gegessen?“), ein Wohnzimmer wird zur Bühne … Unbekannte kommen ins Gespräch, grüne und gelbe Seiten entstehen in Mülheim an der Ruhr und Dortmund, in Duisburg wächst ein kreatives Adressbuch. Vieles geht 2011 weiter. Der Zeitverschenker schenkt Zeit. Die Weltbücherei bleibt geöffnet. Menschen entwickeln Ideen. Ideen folgen Taten. Mal „unsichtbar“ in den Wohnungen, mal das Quartier bewegend, und trotzdem leise und ohne Spektakel.

Kann Kreativität die Straßen erneuern? In Duisburg und Dortmund wird das Engagement belohnt: Die Vermieter haben erkannt, dass Kreativität ein Standortfaktor ist. 30 % Mieterlass erhalten die, die bleiben. Besonders interessant ist die Entwicklung in Dortmund. Neue und alte Mieter entwickeln ein Modell, um gemeinsam zu wirtschaften. Sie nennen es social enterprise. Sie wollen auch 2011 Leben in die Straßen bringen und – davon leben.














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