Besucher


Der Besucher besucht sich selbst. Lukas Niermann

Nachbarn treffen sich, kommen vor der Haustür kurz ins Gespräch, eine Frau schiebt ihren Kinderwagen über den Bürgersteig, Kinder rennen zur Straßenbahn, der Kioskbesitzer räumt Zeitschriften in seine Auslage. Die Besucher der Ausstellung sehen eine Straße. Sie sehen etwas, das ihnen an einem anderen Ort ebenso begegnen könnte, ohne Betrachter eines Kunstwerkes zu sein.

Die Besucherschule war ein wichtiger Teil von 2-3 Straßen. Sie war nicht nur das Angebot, die Straßen und ihre kreativen, alten und neuen Bewohner kennenzulernen, sondern eine Einladung, selbst einen Beitrag zu leisten und Autor von 2-3 Straßen zu werden. Vierzig Jahre nach der unvergessenen Besucherschule von Bazon Brock zur documenta 4 in Kassel wendet die Besucherschule in 2-3 Straßen den kreativen Blick zurück zur Diaspora der Wirklichkeit in den sogenannten Problemvierteln, die bis heute für alles andere als Kunst und Kultur steht.

Durch die Besucherschule hat sich für mich etwas verändert. Man hat einen bestimmten Bezug zu einer noch unbekannten, ungewöhnlichen Realität bekommen. Man trifft auf eine Vielzahl von Menschen, denen man im Alltag vielleicht nicht begegnen würde – es findet eine Kommunikation außerhalb der Alltagspraxis statt. Charles Kaltenbacher

Interessierte Einzelpersonen, Kunstvereine, Schülergruppen, Studenten für Kreatives Schreiben, Stadtentwicklung oder Kunstgeschichte, Reisegruppen aus ganz Deutschland und Europa  − über 1300 Menschen haben die Ausstellung besucht. Sie wurden von neuen und alten Bewohnern durch die Straßen begleitet, in die Gärten, Höfe und Wohnungen. Kein einziger Besuch wie der andere, jeder ein Experiment, ein Neuanfang für beide Seiten. Dank der Begegnungen und Beiträgen sind aus Besuchern Autoren geworden. Die vielen, fremden Stimmen aus den Wohnungen, mitten zwischen neuen und alten Bewohnern der Straße, erweitern den gemeinsamen Text um eine auch sozial ungewöhnliche Perspektive.

Der Beitrag ist eben, dass sie selbst sich, ihr Leben oder was auch immer für den Moment in diese Straße bringen. Das Schreiben, so habe ich es immer vermittelt, stellt den Dialog zwischen Bild und Betrachter symbolisch dar. Es ist ein Zurückgeben, Zurückschreiben.
Mathias Lempart
 











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